25Jahre v2 25 home
Tugce

Tugces Tod beschäftigt die Schüler unserer Schule

Soll man Gewalt schweigend erdulden, um sein eigenes Leben zu schützen?


Tugce Albay­rak, ei­ne 22jäh­ri­ge Lehr­amts­stu­den­tin aus Of­fen­bach, ist bei dem Ver­such, sich schüt­zend vor zwei Mäd­chen zu stel­len, die von drei an­de­ren Ju­gend­li­chen be­droht wur­den, selbst von den Tä­tern nie­der­ge­schla­gen und ge­tö­tet wor­den. Die Me­dien be­rich­te­ten aus­führ­lich über ih­ren Fall, in vie­len deut­schen Städ­ten nah­men Men­schen, bei de­nen die Tat großes Ent­set­zen und tie­fe Be­trof­fen­heit aus­lös­ten, spon­tan An­teil an ih­rem Schick­sal. Auch bei den Schü­lerin­nen und Schü­lern un­se­rer Schu­le wird die Fra­ge, ob man bei Strei­tig­kei­ten ein­grei­fen soll, selbst wenn man ris­kiert, ver­letzt oder so­gar ge­tö­tet zu wer­den, in vie­len Un­ter­richts­stun­den en­ga­giert dis­ku­tiert. Aus dem Deutsch­un­ter­richt der Klas­se 9d er­reich­te uns der fol­gen­de Auf­satz von El­len, den wir als Dis­kus­sions­bei­trag zu die­sem The­ma hier ver­öf­fent­li­chen möch­ten:

Wie an vie­len an­de­ren Schu­len, wie in vie­len an­de­ren Klas­sen, so dis­ku­tier­ten auch wir in der Klas­se 9d die­sen Fall. Zur Zeit sind vie­le Fra­gen of­fen: "Hät­te die jun­ge Frau ein­fach so ein­grei­fen sol­len?" - "Zi­vil­cou­rage - ja oder nein?" lau­tet das große Dis­kus­sions­the­ma in un­se­rer Klas­se, und auch ich bin zu ei­nem Ent­schluss ge­kom­men: "Jeder Mensch soll­te Zi­vil­cou­rage zei­gen!" Im Fol­gen­den möch­te ich mei­ne Mei­nung da­zu er­ür­tern und nen­ne eini­ge mei­ner Ar­gu­men­te:

Mein erstes Ar­gu­ment be­zieht sich auf die Re­ak­tion ei­nes Men­schen, der in ei­ner be­stimm­ten Si­tu­ation hel­fen möch­te. Zu­nächst er­scheint es mir als durch­aus ratvsam, ei­nen kla­ren Kopf zu be­hal­ten. Beim An­blick der Tä­ter oder der meist mit Ge­walt ver­bun­de­nen Tat sinkt bei vie­len Außen­ste­hen­den der Mut, ihre Ge­sund­heit oder so­gar ihr Le­ben zu gefähr­den. Men­schen schau­en zu oft weg, kei­ner möch­te sich selbst in Ge­fahr bring­en.

"Zivilcourage" be­deu­tet für mich nicht, di­rekt ein­zu­grei­fen. Auch wenn man die Po­li­zei ein­schal­tet, was ei­gent­lich nur das Rich­ti­ge sein kann, so hat sich die Per­son ein­ge­setzt, um dem Op­fer zu hel­fen. Ich den­ke, dass je­der Mensch auf sei­ne ei­ge­ne Wei­se Cou­rage zei­gen kann. Al­lein das um Hil­fe schrei­en be­wirkt, dass auch an­de­re Men­schen auf­merk­sam wer­den und be­reit sind, zu hel­fen. Ver­gleicht man die Sze­ne ei­ner al­lein­ste­hen­den Per­son, wel­che ein­greift, mit dem Ein­griff meh­re­rer Men­schen, so wird schnell deut­lich, dass man zu­sam­men stär­ker ist als al­lei­ne. Jeder weiss, dass er oder sie hel­fen/schüt­zen kann. Ge­mein­schaft ver­leiht Kraft und über­win­det die Angst. Wer also z.B. auf dem Schul­hof ei­nen zu Ge­walt es­ka­lie­ren­den Streit be­ob­ach­tet, soll­te schnell­stens sei­ne Freun­de zu­sam­men­trom­meln und sie da­zu auf­for­dern, Cou­rage zu zei­gen und zu be­wei­sen. In die­sem Fall be­stün­de außer­dem die Mög­lich­keit, ei­nem Leh­rer oder Streit­schlich­ter Be­scheid zu ge­ben.

Auch das ist für mich "Zi­vil­cou­rage". Er oder sie hat eben nicht weg­ge­schaut oder sich aus dem Staub ge­macht, wie manch an­de­rer es ge­tan hät­te. Da­zu ist es wich­tig zu sa­gen, dass un­ter­las­se­ne Hil­fe­leis­tung straf­bar sein kann. Um noch ein­mal auf Tugce zu­rück­zu­kom­men: sie hat sehr viel mehr Mut be­wie­sen und sich dem Tä­ter al­lei­ne ent­ge­gen­ge­stellt. Der Tat­ort war ein ty­pi­scher McDo­nalds - Park­platz, auf den stän­dig neue Au­tos auf­fah­ren. All die­se Men­schen, und da bin ich mir si­cher, ha­ben mit­be­kom­men, was sich dort ab­spiel­te. Nie­mand von ihnen hat sei­ne Angst über­wunden.

Wären sie Tugce zur Hilfe ge­kom­men, dann hät­ten sich die Tä­ter wort­wört­lich "ver­kro­chen". Dem­ent­spre­chend ist es sinn­vol­ler, mit Ver­stär­kung, zum Bei­spiel in ei­ner Grup­pe, ein­zu­grei­fen. Ich den­ke nicht, dass der Fall Tugce be­wirkt hat, dass in nä­he­rer Zu­kunft we­ni­ger Men­schen Zi­vil­cou­rage zei­gen, weil die Angst um sich selbst zu groß ist. Das tra­gi­sche Schick­sal ist viel­mehr ein Auf­ruf an die Men­schen, Mut zu be­wei­sen und sich ein­zu­mi­schen, wenn ir­gend je­mand - egal wer - drin­gend Hilfe oder Ver­stär­kung be­nötgt.

Tausende Men­schen trau­ern um die "tapfe­re Tugce", so wird sie in den Me­dien ge­nannt. Die Trau­er steht al­ler­dings auch als Sym­bol für Kraft und Stärke. Das ge­nau soll den Men­schen deut­lich wer­den. Die jun­ge Frau opfer­te ihr Le­ben, zwar un­be­wusst, den­noch war ihr klar, auf wel­che Ri­si­ken sie sich ein­ließ. Wenn sich all die Trau­ern­den so­wie An­ge­hö­ri­gen ver­krie­chen, wenn sie ver­such­ten, den Schmerz zu lin­dern, in­dem sie die Ge­schich­te ver­ges­sen, so wä­re das mei­ner An­sicht nach ein neu­er An­trieb für die Tä­ter, wei­te­re Ge­walt­ta­ten aus­zu­üben. Zei­gen die­se Men­schen Stär­ke, Ge­mein­schaft und Cou­rage ge­gen­über an­de­ren Per­so­nen, so wird den Tä­tern schnell be­wusst, dass sie kei­ne Chan­ce ha­ben.

Nach der Trau­er­pha­se gilt es für je­den, neue Kraft zu schöp­fen. Doch nicht nur in Deutsch­land sind die Men­schen zur­zeit er­schüt­tert. Die Nach­richt von Tugces Tod spricht sich welt­weit he­rum. Der­zeit wird ent­schie­den, ob man der mu­ti­gen jun­gen Frau ei­nen Ver­diens­tor­den ver­lei­hen sollte.

Ich finde diese Idee sehr gut, denn ihre Tat und ihr schreck­li­ches Schick­sal, wel­ches schließ­lich mit ihrem Tod en­de­te, ist weit­aus mehr wert als nur ein "danke". Tugce ist auch zu mei­nem Vor­bild ge­wor­den.

Zusammenfassend steht für mich fest, dass jeder Mensch Zi­vil­cou­rage zei­gen soll­te. Ich hof­fe sehr, dass sich in näch­ster Zeit mehr Men­schen über­win­den, ih­rer Angst "lebe­wohl" zu sa­gen und sie be­reit sind, An­de­ren zu hel­fen, wenn sie in ei­ner Not­la­ge stecken. Ich kann wei­ter­hin nur da­zu auf­for­dern, dass viele Men­schen in die Fuß­stap­fen Tugces tre­ten und sie sich ihre Tat zum Vor­bild neh­men.

Auch wünsche ich mir, dass sie für al­le Ze­iten in den Her­zen der Men­schen bleibt und ih­nen stets Hoff­nung schenkt, wann im­mer sie es brau­chen.

text: Ellen Egger, Klasse 9d, webmaster; 12/14